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Rückblick
auf die Verleihung des 14. Literaturpreises Prenzlauer Berg 2011
Dieses
Jahr stand der Wettbewerb um den Literaturpreis Prenzlauer Berg unter dem Thema
„Nichts bleibt, wie es ist: Geschichten vom Wandel“. Zehn der dreihundert
Einsendungen hatten es in die engere Wahl geschafft. Während die Sonne durch
die hohen Fenster fiel, machten es sich die Zuhörer, viele mit einem
spätnachmittäglichen Glas Wein, gemütlich: Die Präsentation der zehn Texte
wurde von einem gut gefüllten Saal in der Bibliothek am Wasserturm erwartet.
Die drei Damen, die die diesjährige, vom Literaturverein unabhängige Jury
bildeten, zückte ihre Stifte. Und nach einer schwungvollen Eröffnung, die mit
dem passenden Brecht-Zitat „Alles wandelt sich. Neu beginnen. Kannst du mit dem
letzten Atemzug.“ schloß, wurde für zweieinhalb Stunden teils gelangweilt, doch
die meiste Zeit vor allem interessiert, amüsiert, berührt, ja gefesselt den
Lesungen der jungen AutorInnen gelauscht, die ihre Texte selbst vortrugen.
Kurzgeschichten und Romanananfänge wurden vorgestellt, Glossen waren darunter
genauso wie fast schon lyrisch wirkende Prosa: Der Nachmittag verging wie im
Flug.
Nach
eineinhalb Stunden Beratungszeit, um 20 Uhr, verkündeten Esther Kormann vom
Galiani Verlag Berlin, Wiebke Poromka, Journalistin, und Annika Reich, Autorin,
schließlich ihre Wahl: Von der Jury gekührt wurden die beiden
Nachwuchsschriftstellerinnen Jenifer Johanna Becker und Stefanie de Velasco.
Nachdem die Texte der beiden Autorinnen, wie die Jury erläuterte, stilistisch
einen großen Abstand zu denen der anderen Bewerber aufwiesen, hatte sie sich
entschlossen, zwei statt drei der Texte den Literaturpreis zu verleihen. Durch
ihre professionelle Kritik, die deutlich machte, dass der Preis nicht einfach
zu erringen gewesen war, verlieh die Jury dem Wettbewerb ein kaum zu
überschätzendes Niveau. So wurde die mit viel Mühe getroffene und
gelungene Vorauswahl, die die zehn vorgestellten Texte von 290 anderen deutlich
abgehoben hatte, und die die Vorjury des Literaturvereins nach wochenlangem
intensivem Lesen getroffen hatte, von zwei strahlende Siegerinnen gekrönt, die
nach der Preisverleihung euphorisch feierten und sich zu Recht feiern ließen.
Autorinnen
und Jury über die Gewinnertexte
„Kinder-Gesichter“
von Jenifer Johanna Becker, eine Geschichte, die einen Bombenangriff auf ein
Dorf aus der Sicht eines kleinen Jungen schildert, wurde von der Jury als
ungewohnt frei von Klischees gefeiert; der Einstieg des Textes fand großen
Anklang, er errang genau wie die klare Sprache der erst 23-jährigen Autorin
viel Lob. Anschließend an die Preisverleihung erläuterte Jenifer Johanna
Becker, dass die Geschichte der 20-seitige Auftakt zu einem zukünftigen Roman
sei, der aus der Sicht eines kleinen Jungen alles Furchtbare, Tragische,
Grausame, aber auch Skurille und Menschliche eines Krieges aufzeigen solle. Sie
habe während ihrer journalistischen, sachlichen Auseinandersetzung mit dem
Thema Krieg gemerkt, dass es unheimlich wichtig sei, sich der Herausforderung
zu stellen, gerade Kriege nicht nur sachlich-jouralistisch, sondern auch
literarisch dem Leser nahe zu bringen. Diese Herausforderung möchte sie in den
nächsten Monaten annehmen.
Auch der Text „Tigermilch“
von Stefanie de Velasco, 32, der den zweiten Preis errang, ist der Auszug aus
einem Roman, dessen Geschichte die Autorin als Mischung aus „Die Kinder von
Büllerbü“ und „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ beschreibt. Der Roman wird die
Geschichte zweier etwa 13- bis 14-jähriger Berliner Emo-Mädchen erzählen, die
einerseits unschuldig, fast naiv wirken, und die sich durch die Stadt und die
Tage treiben lassen, die sich auf der anderen Seite aber freiwillig an der
Kurfürstenstraße in Berlin prostituieren. Sie sind Teenies, die kaum wissen,
was sie tun, es aber zugleich ganz genau wissen. Der Text ist schrill und
zugleich berührend, die Jury beschrieb ihn als überraschend und dramatisch,
jedoch ohne Betroffenheitspathos. Die Figurenzeichnung beeindrucke genauso wie
die Selbstverständlichkeit, mit der der Text seine unglaubliche und doch
zugleich alltägliche Geschichte erzähle. Fertiggestellt soll der Roman laut
Autorin in wenigen Monaten sein.
Heike Joswig
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